Was ist neu bei der Behandlung von Herzklappenerkrankungen?

Wer beispielsweise beim Treppensteigen Kurzatmigkeit, Luftnot oder Erschöpfung spürt, sollte ärztlich abklären lassen, ob dahinter eine Erkrankung der Herzklappen steckt. Ist dies der Fall, gibt es verschiedene Möglichkeiten, diese zu behandeln. Dabei gilt: Die Medizin entwickelt sich rasch fort, und es kommen immer wieder neue Behandlungsmöglichkeiten hinzu, die in klinischen Studien auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit getestet werden. Gar nicht so leicht, da immer den Überblick zu behalten.

Damit Ärztinnen und Ärzte stets auf dem aktuellen Stand sind, veröffentlichen die ärztlichen Fachgesellschaften regelmäßig sogenannte Leitlinien. Nun wurde im August 2025 die Herzklappenerkrankungen-Leitlinie der europäischen Kardiologie-Fachgesellschaft ESC (European Society of Cardiology) aktualisiert. Welche wichtigen Neuerungen es bei der Behandlung einer verengten Aortenklappe oder einer undichten Mitral- oder Trikuspidalklappe gibt, finden Sie hier im Überblick.

Behandlung der Aortenklappenstenose: Die Qual der Wahl

Die Verengung der Aortenklappe, in der Medizin Aortenklappenstenose genannt, ist in Deutschland die häufigste Herzklappenerkrankung. Meist tritt sie im fortgeschrittenen Lebensalter auf. Ist die Klappe stark verengt, bleibt häufig nur, eine Klappenprothese ins Herz einzusetzen, die die Funktion der körpereigenen Klappe übernimmt. Hierfür war früher immer eine Operation notwendig, bei der das Herz stillgelegt werden musste. Doch mittlerweile gibt es die Möglichkeit, über einen sehr dünnen Schlauch (Katheter genannt) die Klappenprothese ins schlagende Herz einzusetzen. Ein solcher kathetergestützte Aortenklappenersatz wird als TAVI bezeichnet.


Aortenklappenstenose: TAVI nun schon ab 70 Jahren

Bei der Entscheidung zwischen Operation und TAVI werden verschiedene Faktoren berücksichtigt, darunter die Beschaffenheit der Klappe, das Alter sowie der Gesundheitszustand und vorliegende Begleiterkrankungen der betroffenen Person. Während TAVI bislang vor allem bei Menschen über 75 Jahren die Methode der Wahl war, wurde diese Altersgrenze nun in der aktualisierten Leitlinie auf 70 Jahre gesenkt.


Bei Aortenklappenstenose vorausschauend behandeln

Wir werden immer älter, und viele Erkrankungen, die früher tödlich waren, sind heute wenn nicht heilbar, so doch zumindest behandelbar. Das bedeutet aber auch, dass Ärztinnen und Ärzte zunehmend daran denken müssen, dass es mit dem einmaligen Austausch der Aortenklappe unter Umständen nicht getan ist. Denn die typischerweise eingesetzten biologischen Klappenprothesen haben zwar eine lange, aber keine unbegrenzte Haltbarkeit. Das bedeutet, dass es mit der Zeit notwendig werden kann, erneut eine Klappenprothese einzusetzen. In die Herzklappen-Leitlinie wurde deshalb ein neuer Aspekt aufgenommen: das Lifetime-Management, also die Notwendigkeit, bei der Behandlung vorausschauend zu handeln und bei der Entscheidung über das individuell beste Vorgehen auch zu berücksichtigen, welche Risiken und Chancen die jeweiligen Therapieoptionen für zukünftige Eingriffe mit sich bringen.


TAVI auch bei geringem Operationsrisiko möglich

Früher kam TAVI vor allem bei inoperablen Personen oder solchen mit sehr hohem Operationsrisiko zum Einsatz. Doch seit in Studien belegt werden konnte, dass auch bei geringem oder mittlerem Operationsrisiko TAVI dem operativen Aortenklappenersatz nicht unterlegen ist, gilt das Operationsrisiko nicht mehr als ausschlaggebend für die Wahl zwischen TAVI und OP. Aber: Nicht alle in Deutschland erhältlichen Klappen dürfen bei Personen mit geringem oder mittlerem OP-Risiko zum Einsatz kommen. Zudem eignen sich manche Klappenmodelle besser dafür als andere, beispielsweise weil sie besonders lange haltbar sind und durch ihre spezielle Form die Möglichkeit späterer Eingriffe erhalten.

Behandlung der Mitralinsuffizienz: OP oder Clip?

Die Mitralklappe besteht aus zwei feinen, aber festen Segeln und fungiert im Herzen als Rückschlagventil. Das heißt, sie verhindert, dass Blut in die falsche Richtung fließt, wenn sich der Herzmuskel bei jedem Herzschlag zusammenzieht, um Blut in den Körper zu pumpen. Bei einer Mitralklappeninsuffizienz oder kurz Mitralinsuffizienz schließt die Mitralklappe nicht mehr richtig. Durch die undichte Klappe fließt ein Teil des Blutes rückwärts statt vorwärts. Typische Beschwerden sind Luftnot, Schwächegefühl und Flüssigkeitseinlagerungen (Ödeme). In der Medizin werden zwei Formen der Mitralinsuffizienz unterschieden: Bei der primären Mitralinsuffizienz ist die Klappe selbst defekt, bei der sekundären Mitralinsuffizienz ist die Klappe dagegen in Ordnung, aber sie funktioniert nicht richtig, zum Beispiel weil das Herz stark vergrößert ist und dadurch die Klappensegel so weit auseinandergezogen werden, dass die Klappe nicht mehr schließen kann.

Die Behandlung kann entweder chirurgisch durch eine Herzoperation erfolgen oder durch einen kathetergestützten Eingriff, die Mitralklappen-Transkatheter-Edge-to-Edge-Reparatur (M-TEER), oft auch als Mitralklappen-Clipping bezeichnet. Bei der M-TEER werden die Segel der Mitralklappe mit einer Art Mini-Wäscheklammer zusammengeführt, was die Undichtigkeit verringert oder komplett beseitigt.


Aufwertung des Mitralklappen-Clippings

Leitlinien geben in der Regel nicht nur an, welche Behandlungsoptionen bei einer bestimmten Erkrankung zur Verfügung stehen, sondern sprechen auch abgestufte Empfehlung aus: Diese reichen von „wird empfohlen“ (Empfehlungsgrad I) über „sollte erwogen werden“ (Empfehlungsgrad IIa) über „kann erwogen werden“ (Empfehlungsgrad IIb) bis zu „wird nicht empfohlen“ (Empfehlungsgrad III).

Bislang gab es für M-TEER eine Klasse-IIa-Empfehlung für die Behandlung von Personen mit schwerer sekundärer Mitralinsuffizienz; diese Empfehlung wurde nun aufgrund neuer Studiendaten auf eine Klasse-I-Empfehlung („wird empfohlen“) hochgestuft. Die M-TEER ist damit zur Therapie der ersten Wahl bei dieser Personengruppe aufgestiegen.

Ebenfalls aufgewertet wurde die Empfehlung zur M-TEER bei schwerer primärer Mitralinsuffizienz. Bislang gab es für diesen Fall eine Klasse-IIb-Empfehlung, diese wurde nun auf eine Klasse-IIa-Empfehlung („sollte erwogen werden“) hochgestuft. Der Behandlungsstandard bleibt hier allerdings die operative Mitralklappenbehandlung. Das heißt, M-TEER ist vor allem eine Alternative für Menschen mit hohem Operationsrisiko.

SYMPTOM CHECK

Wie geht es Ihnen? Finden Sie es jetzt heraus!

Symptomcheck starten

DOWNLOADS

Hier können Sie weitere Materialien herunterladen.

Downloads und Broschüren

Trikuspidalklappe: Lange vergessen, rückt sie nun ins Rampenlicht

Früher ging man davon aus, dass selbst eine schwere Undichtigkeit der Trikuspidalklappe kein großes Problem darstellt und deswegen nicht behandelt werden muss. Diese Ansicht gilt mittlerweile als veraltet, denn bleibt eine Trikuspidalklappeninsuffizienz lange unbehandelt, kann dies zur Folge haben, dass das Herz, aber auch andere Organe wie Leber und Nieren Schaden nehmen.


Aufwertung auch beim Trikuspidalklappen-Clipping

Ähnlich wie die Mitralinsuffizienz lässt sich die Trikuspidalinsuffizienz sowohl chirurgisch in einer Herzoperation als auch kathetergestützt mittels Trikuspidalklappen-Transkatheter-Edge-to-Edge-Reparatur (T-TEER) behandeln. Und genau wie die M-TEER hat die T-TEER eine Aufwertung in der Leitlinie erfahren: Bislang galt eine Klasse-IIb-Empfehlung, diese wurde nun auf eine Klasse-IIa-Empfehlung („sollte erwogen werden“) hochgestuft, weil der Nutzen der T-TEER durch neue Studiendaten untermauert werden konnte.

Fazit

Die Methoden zur Behandlung von Herzklappenerkrankungen wie Aortenklappenstenose sowie Mitral- und Trikuspidalinsuffizienz werden ständig weiterentwickelt. Wer eine behandlungsbedürftige Herzklappenerkrankung hat, sollte mit dem Behandlungsteam darüber sprechen, welche Optionen nach aktuellem Wissensstand infrage kommen und welche Vor- und Nachteile sie jeweils mit sich bringen. Gegebenenfalls kann eine Überweisung an ein spezialisiertes Herzklappen-Zentrum sinnvoll sein, wo das volle Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung steht, um eine bestmögliche Behandlung zu gewährleisten.

Autorin: Dr. Annukka Aho-Ritter

Beschreibung:

Weitere Themen

WASSER IN DEN BEINEN?
DAS KANN DAHINTERSTECKEN.

HERZSCHWÄCHE UND BERUF:
SO KLAPPT DIE WIEDEREINGLIEDERUNG

DIAGNOSE HERZINSUFFIZIENZ:
DAS MÜSSEN SIE JETZT WISSEN