Piwik

teaserimg

Medizinische Behandlungen wegen Corona lieber aufschieben? Expertenrat für Herzpatienten

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie ging die Zahl der Arztbesuche, vor allen Dingen bei Fachärzten, zunächst deutlich zurück. Insbesondere Risikopatienten sind nun verunsichert, ob sie ihre Arztbesuche auch jetzt noch reduzieren und Behandlungen aufschieben sollen, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Erfahren Sie hier, was Kardiologe Prof. Dr. Helge Möllmann aus Dortmund seinen Herzpatienten rät.

Herz Corona medizinische Behandlung

Dringliche Herzerkrankungen bedürfen einer Behandlung

Während der Ausbreitung der Corona-Pandemie haben Mediziner auf der ganzen Welt beobachtet, dass die Zahl der Arztbesuche abnahm. Zwar haben Krankenkassen und Kliniken an Patientinnen und Patienten appelliert, notwendige Behandlungen keinesfalls hinauszuzögern. Doch die Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 hat viele Menschen von einem Arzt- oder Klinikbesuch abgehalten. Vor allem im April sanken die Patientenzahlen und Notfallbehandlungen, wie Daten von Fachärzten, Krankenkassen und Krankenhausgesellschaften zeigen. Kardiologen und Onkologen meldeten hier Terminrückgänge zwischen 30 und 50 Prozent.

Da allerdings andere Krankheiten wegen COVID-19 nun mal keine Pause einlegen und es essenziell ist, bestehende Erkrankungen nicht zu verschlimmern, stellt sich die Frage, wann sich ein Arztbesuch aufschieben lässt und wann nicht. „Vorsorgetermine oder Check-ups lassen sich teilweise etwas nach hinten verschieben“, erklärt Professor Dr. Helge Möllmann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am St.-Johannes-Hospital in Dortmund. „Termine bei Spezialisten oder geplante Operationen sollten aber nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt verschoben werden. Im Zweifelsfall sollten Patienten ihren Arzt immer direkt telefonisch kontaktieren und fragen.“

Das Risiko der Verschlechterung ist höher als das einer Coronavirus-Infektion

Vertreter von Berufsverbänden sind besorgt, dass sich in erster Linie die Gesundheit chronisch oder schwer erkrankter Patienten verschlechtert. Eine Umfrage der WHO im Mai unter 155 Ländern ergab, dass in 31 Prozent der befragten Länder die Versorgung bei akuten Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingeschränkt oder ganz unterbrochen war.

Obwohl die Praxen der Kardiologen derzeit laut ihrem Verband am Limit arbeiten, raten Mediziner dazu, Facharztbesuche unbedingt wieder wahrzunehmen. So registrierte das Dortmunder St.-Johannes-Hospital beispielsweise einen deutlichen Rückgang von Herzinfarkt-Patienten. Professor Möllmann befürchtet, dass es zu dauerhaft schweren Herzschäden bei Patienten kommen kann, die ernste Erkrankungen verschleppen. „Deshalb müssen nicht nur Herzinfarkte, sondern auch akute Rhythmusstörungen oder eine sich verschlimmernde Herzschwäche unbedingt zeitnah behandelt werden.“

Gerade bei Herznotfällen gilt trotz Corona-Pandemie: sofort den Rettungsdienst alarmieren. „Die Anweisungen 'zu Hause bleiben' und 'nicht ins Krankenhaus kommen' gelten nicht für Patienten mit Herzinfarkt-Symptomen“, betont auch Professor Barbara Casadei, die Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie.



Gute Hygiene-Maßnahmen in Krankenhäusern und Praxen

Um zumindest volle Wartezimmer beim Arzt zu vermeiden, sollte man stets zuvor anrufen und einen Termin vereinbaren. Viele Arztpraxen bieten inzwischen auch Video- oder Telefonsprechstunden an, die den einen oder anderen Besuch, zum Beispiel für chronisch erkrankte Patienten, ersetzen können.

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Verringerung des Infektionsrisikos mit SARS-CoV-2 ist die zweigliedrige Versorgung in den Arztpraxen. Das heißt, dass die Behandlung von Corona-Verdachtsfällen strikt getrennt von der Behandlung übriger Patienten erfolgt.

„Auch in den Krankenhäusern ist der Infektionsschutz gewährleistet“, so Professor Möllmann. „Denn die Kliniken haben sehr aufwendige Hygiene-Maßnahmen ergriffen, um sowohl Patienten als auch Personal vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu schützen.“

Die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hat bereits Ende Januar auf Grundlage der WHO-Empfehlung Infektionspräventions- und Kontrollmaßnahmen ausgearbeitet. Dazu zählen insbesondere Maßnahmen zum frühzeitigen Erkennen und Isolieren von COVID-19-Patienten. Weiterhin werden zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen, Basishygienemaßnahmen sowie umwelthygienische und technische Maßnahmen ergriffen.

Aktuell ausreichende Behandlungskapazitäten

Das bisherige Ausbleiben einer großen Welle von Corona-Patienten in Deutschland erlaubt inzwischen eine schrittweise Rückkehr zum Regelbetrieb in den Kliniken. Nachdem planbare Behandlungen zunächst verschoben wurden, stehen aktuell in den Krankenhäusern ausreichend Kapazitäten zur Verfügung, die auch genutzt werden sollten. Schließlich können Bypass-Operationen und andere Eingriffe nicht auf Dauer verschoben werden, und viele Patienten warten nun auf einen Termin.

Bis allerdings flächendeckend Impfstoffe zur Verfügung stehen, werden die Kliniken immer einen gewissen Prozentsatz an Intensivkapazitäten freihalten müssen, um für einen möglichen Infektionsanstieg gewappnet zu sein. Für den Ernstfall ist Deutschland aber gut ausgerüstet, da es einerseits die ambulante Versorgung durch Haus- und Fachärzte gibt, andererseits die Krankenhäuser zur intensiven Behandlung Schwerkranker. COVID-19 wird uns noch eine lange Zeit begleiten, doch für Risikopatienten ist es unerlässlich, Arztbesuche und Behandlungen trotzdem regelmäßig wahrzunehmen.

Dies sieht auch Professor Möllmann so. Er empfiehlt zudem, die Symptome der eigenen Herzerkrankung genau im Auge zu behalten, denn: „Für Herzpatienten ist es momentan unter anderem wichtig zu wissen, dass sich die Symptome von COVID-19 ähnlich wie eine Herzerkrankung äußern können. Die Atemnot durch einen geschwächten Herzmuskel lässt sich zum Beispiel auch mit dem Anfangsstadium von COVID-19 verwechseln, weshalb eine Verschlechterung der Atmung sehr genau im Auge behalten werden muss. Im Zweifelsfall oder bei plötzlicher Atemnot im Ruhezustand sollte prinzipiell ein Arzt bzw. sofort der Notruf kontaktiert werden.“

Prof. Dr. med. Helge Möllmann

Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I
St.-Johannes-Hospital Dortmund

Facharzt für Innere Medizin - Kardiologie

 

Autorin: Johanna Schmidbauer

Datum: Juni 2020

Quellen:

WHO News Release, 1 June 2020: COVID-19 significantly impacts health services for noncommunicable diseases. www.who.int (Abruf 04.06.2020)

Ärzteblatt Nachrichten, 26. Mai 2020: Weniger Besuche bei Fachärzten. www.aerzteblatt.de (Abruf 04.06.2020)

Ärzteblatt Nachrichten, 22. April 2020: Sorge um Patienten mit akutem Behandlungsbedarf. www.aerzteblatt.de (Abruf 04.06.2020)

Ärzteblatt Nachrichten, 6. Mai 2020: Deutlich weniger Herzinfarktpatienten in Asklepios Kliniken. www.aerzteblatt.de (Abruf 04.06.2020)

Ärzteblatt Nachrichten, 8. April 2020: Getrennte Versorgung von Corona- und normalen Patienten wichtig für Exit-Strategie. www.aerzteblatt.de (Abruf 04.06.2020)

ÄrzteZeitung Politik, 01.06.2020: Umfrage unter 155 Ländern - WHO: COVID-19 hat Versorgung bei anderen Krankheiten beeinträchtigt. www.aerztezeitung.de (Abruf 04.06.2020)

ÄrzteZeitung Politik, 17.04.2020: Arztbesuch nicht wegen Corona vermeiden. www.aerztezeitung.de (Abruf 04.06.2020)

European Society of Cardiology (ESC) Press Release, 14 Apr 2020: Appeals to “stay at home” during COVID-19 do not apply to heart attacks. www.escardio.org (Abruf 04.06.2020)

Exner, M. et.al.: Empfehlung der DGKH (Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene): Infektionspräventions- und Kontrollmaßnahmen während der medizinischen Versorgung von Patienten bei Verdacht auf Infektion mit dem neuen Corona-Virus (2019-nCoV), 31.01.2020 www.krankenhaushygiene.de (Abruf 04.06.2020)

9-GE-5-11544-02 07-2020

Weitere Themen

Arzt-/­Kliniksuche

Suchen Sie eine Klinik oder nach Kardiologen in Ihrer Nähe.
Suchen Sie eine Klinik oder nach Kardiologen in Ihrer Nähe.
Jetzt suchen